Ist eine Überbrückungsrente für 60-jährige Ausgesteuerte sinnvoll?

Übersicht der Foren

Zur Liste der Foren gelangen Sie hier: Foren

Möchten Sie einen neuen Beitrag erstellen, wählen Sie bitte ein Forum aus der Foren-Liste und klicken sie auf die Schaltfläche "Neues Thema" oben auf der rechten Seite.

  • Überbrückungsrente für 60-jährige Ausgesteuerte statt Sozialhilfe: Das wird teuer und ist kontraproduktiv.


    Das wird teuer und trägt nichts zur Schaffung von sinnvollen Arbeitsplätzen bei, vor allem wenn das Rentenalter noch heraufgesetzt wird, obwohl für die Älteren der primäre Arbeitsmarkt immer prekärer wird. Es gibt genügend sinnvolle Arbeit, auch für diese älteren Arbeitskräfte im öffentlichen Bereich (Gesundheitswesen, Bildung, Natur- und Landschaftsschutz, Umweltschutz). Dafür muss ein sekundärer Arbeitsmarkt aufgebaut und mit öffentlichen Mitteln unterstützt werden. Alex Schneider, Küttigen

  • alescha01


    Sie schreiben wirklich gerne Fragen und auch (ihre) Feststellungen. Ich finde das eigentlich ganz gut so. Sie regen Diskussionen an. Und etwas Anderes gefaellt mir auch noch: Sie schreiben ihre Texte mit vollem Namen und Wohnort. Sie stehen ganz offensichtlich und auch oeffentlich zu dem, was sie sagen. Das braucht eine gewisse "Zivilcourage". Deshalb sind sie mir irgendwie recht sympathisch, auch wenn wir oefters mal nicht so der gleichen Meinung sind. Es gibt leider Gruende, weshalb ich mich selbst nicht so exponieren kann. Ich muss die Privatsphaere meiner Familie hoeher gewichten. Und deshalb schreibe ich etwas "Anonymus".


    ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------


    Nun zu ihrem Text:


    >Das wird teuer, vor allem wenn das Rentenalter noch heraufgesetzt wird, obwohl für die Älteren der primäre Arbeitsmarkt immer prekärer wird.<


    Ja das wird teuer! Zu teuer. Hier geht es aber nicht mehr nur darum, ob das nun in einer Ueberbrueckungsrente (welcher Art auch immer und wie dann noch benannt) oder via Sozialhilfe, letztlich von der Volkswirtschaft bezahlt und zuvor erarbeitet werden muss. Hier ist einfach mal ein Kostenfaktor gegeben, welcher letztlich irgendwie finanziert werden muss. Wir muessen uns hier klar sein, woher dieser Kostenfaktor kommt. Es ist nicht so, dass aeltere Menschen per Se nicht mehr leistungsfaehig sind. Nur die gegenwaertige Wirtschaft "deklariert" sie solchermassen.


    Ich empfinde es geradezu als absurd! Ich uebernachte gerade mal wieder in einem Gasthaus. Da ist die Eigentuemerin nun gute 94 Jahre alt. Bis vor einem halben Jahr, hat sie das mit Unterstuetzung von "Hausmaedchen" alles selbst gemanagt. Jetzt denkt sie ernsthaft darueber nach, das Management abzugeben. Ich rede hier von Management. Die koerperliche Leistungsfaehigkeit hat schon frueher abgenommen. Und deshalb hat sie ja auch das Hausmaedchen angestellt, um ihr zur Hand zu gehen.


    Hier muss ich nun den Bogen spannen, zu ihrem weiteren Text:


    >Es gibt genügend sinnvolle Arbeit, auch für diese Arbeitsgruppe im öffentlichen Bereich (Gesundheitswesen, Bildung, Natur- und Landschaftsschutz, Umweltschutz). Dafür muss ein sekundärer Arbeitsmarkt aufgebaut und mit öffentlichen Mitteln unterstützt werden<


    Ja, das gibt es wohl. Genug Arbeiten, welche dem Allgemeinwohl (Wohlstand) dienlich waeren. Und volkswirtschaftlich wuerde dies sicher mehr Sinn machen, wenn hier eine gewisse Produktion stattfindet, als einfach nur "Versicherungsleistungen" auszubezahlen, welche volkswirtschaftlich gesehen, einfach nur mal ein Verlustfaktor darstellt.


    Ich moechte in diesem Zusammenhang ausdruecklich erwaehnen, dass keine Versicherung etwelcher Art, in volkswirtschaftlicher Hinsicht produktiv ist. Hier wird kein echter Mehrwert geschaffen. Die einzige Produktion einer Versicherung besteht in Schadensbegrenzung. Die Wahrscheinlichkeit, dass aus einer Schadensbegrenzung ein echter Mehrwert entsteht ist, praktisch null. Falls in der Versicherungsbranche noch irgendwie ein Mehrwert geschoepft wird, dann allenfalls dadurch, dass die betreffenden Versicherungen, als Kapitalgeber, Geld in Investitionen (Unternehmen) anlegen, welche tatsaechlich produktiv arbeiten.


    Und jetzt noch eine zuesatzliche (staatliche) Versicherung, um einen volkswirtschaftlichen, aber existierenden, Schaden zu vermindern? Wer bezahlt hier die Kosten? Der Steuerzahler. Und der bezahlt dann nicht nur den eigentlichen Schaden, sondern auch noch den ganzen Verwaltungsaufwand! Und dann dreht sich die unsaegliche Verlustwirtschaft im Sozialwesen noch eine Stufe weiter. Es ist jetzt schon mehr als genug volkswirtschaftlicher Leerlauf im Sozialsystem. Die verschiedenen "Sozialkaesseli" schieben sich nach Moeglichkeiten den "Schwarzen Peter" (Versichterte) gegenseitig unter . Mit einem enormen bueraukratischen Aufwand dahinter. Zum Schaden der Versicherten, also den Pramienzahlern und Steuerzahlenden (AHV/IV).


    Alescha01. Bitte verstehen sie mich hier richtig. Ich bin durchaus der aehnlichen Meinung wie sie, in ihrer Frage/Fesstellung geschrieben haben. Es ist nicht die Frage, ob der Staat hier etwas machen soll/muss. Es ist die Frage, wie er das tut. Ich sehe es durchaus als richtig, wenn der Staat hier eine "Bruecke" schlaegt. Doch ein staatlich mitfinanzierter sekundaerer Arbeitsmarkt, muss hier als eine "Notbremse" verstanden werden. Diese Notbremse loest das eigentliche Problem so nicht.


    Das eigentliche Problem ist die Situation auf dem primaeren Arbeitsmarkt. Und was der Staat hier tun koennte, um diese Situation zu veraendern, muesste eigentlich die erste Diskussion sein.


    Dass leistungswillige und, allenfalls mit Einschraenkungen, auch leistungsfaehige Personen, mit bereits 55 Jahren, als wirtschaftlicher Ausschuss ausgemustert werden, duerfte so nicht stattfinde. Und es duerfte auch nicht stattfinden, dass diese dann als staatlich subventionierte Arbeitnehmer noch ein halbwegs menschenwurdiges Leben fuehren koennen. Immer mit dem Gedanken im Kopf, ein "sozialer Bittsteller" zu sein.


    Die zuvor beschriebene "Granny" hatte das Glueck, bis ins hohe Alter selbststaendig und eigenverantwortlich ihren Lebensunterhalt verdienen zu koennen. Und darf sich jetzt wohlverdient zur Ruhe setzen. Nicht alle haben ein solches Glueck. Und von denen, welche ein solches Glueck nicht hatten, wollen viele nicht schon mit 55, oder etwas mehr Jahren, per Versicherung zur Ruhe gesetzt werden. Fuer viele aeltere Menschen ist arbeiten auch noch ein Teil ihrer Lebensqualitaet. Auch mit eingeschaenkter Gesundheit.


    Das Gefuel zu haben, man sei zu nichts mehr Nuetze .... ist toedlich.


    In diesem Sinne befuerworte ich durchaus, dass der Staat hier noch eine Art von sekundaerem Arbeitsmarkt unterstuetzt, welche dem Allgemeinwohl dient.


    Hier geht es insbesondere auch noch um ein "psychologisches" Ding.


    Dazu moechte ich in einem weiteren Beitrag, noch etwas aus der Familiengeschichte erzaehlen.

  • Hallo Alescha 01


    Jetzt noch der Nachtrag zu meinem Letzten Beitrag.


    Die Geschichte soll dazu dienen, etwas aufzuzeigen, was ich mit dem "psychologischen Ding" gemeint habe. Sie koennte allerdings auch noch etwas dazu beitragen, sich mal ueber eine Loesung eines anderen gesellchaftlichen Problems etwas Gedanken zu machen.


    Zur Zeit des 2.Weltkriegs galt es die sogenannte Anbauschlacht zu gewinnen. Das uebergeordnete Ziel war hier, die Schweiz volkswirtschaftlich autark zu machen. Zu dieser Zeit wurden Landbesitzer dazu verpflichtet, auf jeder irgendwie moeglichen Flaeche "Futter" anzubauen. Selbst auf extrem ertragschwachen Boeden. Item. Meine Grosseltern hatten Boden auf einer Hoehe von 1250 Metern ueber Meer. Und wurden verpflichtet auf diesem Boden Getreide anzupflanzen. meine Mutter sagte noch, es waere Weizen gewesen. Ich vermute eher eine bestimmte Sorte von Gerste. Item. Angepflanzt... und war nahezu erntereif. Dann kam ein Sommerschnee. Bevor das Getreide richtig ausgreift war, wurde es vom Schnee niedergedrueckt. Hier gilt die Ernte ueblicherweise als verloren. Damals allerdings nicht. Die Kriegsregierung schickte eine Russin um hier zu helfen! Ich weiss nicht, wie die alte (!) Russin als Kriegsgefangene/ Kriegsfluechtling ueberhaupt in die Schweiz gelangen konnte. Sie war einfach nur mal da. Und weil sie offenbar aus einer Gegend herkam, wo solche Fauxpas mit Getreide und Schee anscheinend oefters mal vorkamen, wusste die eben, was man da machen muss. Und wurde deshalb geschickt. Sogennannt "Internierte" wurden zu dieser Zeit, wann immer moeglich zum sogenannten Freiwilligendienst verpflichet. Mit Betonung auf verpflichtet. Sie erhielten dann aber auch einen Bonus, wenn sie sich verpflichten liessen. Item. Die Mamuschka kam und machte die Arbeit. Gruebelte das Getreide aus dem Schnee und behandelte es artgerecht. Jedenfalls holte das Militaer dann das Getreide so ab und und war zufrieden. Wurde dann wohl als Pferde- und Maultierfutter verwendet. Wohl ziemlich direkt vor Ort, fuer die Versorgung der Gebirgsgrenadiere. Wieviel davon die selbst noch mitgefressen haben....? (Smile)


    Und was war mit der Mamuschka?


    Am ersten Tagihres mehrwoechigen Arbeitseinsatzes (Das Feld war gross) wurde sie mit entsprechender Anweisung, praktisch ins Feld gestellt. Mit einer Esssensration fur den Mittag. Am Mittag schon fast durchgefroren. Nicht nur die Essensration, sondern auch die Mamuschka. Welche da mit Ernstem, und vor allem sehr aengstlichen Gesicht, aber mit flinken Haenden das Getreide unter dem Schnee heraus gruebelte. Meine Grossmutter hatte zu dieser Zeit "Kostgaenger". Das waren Leute, welche aufgrund ihrer Fachkenntnisse, aber sonst nicht dienstauglich fuer die Front waren, vor Ort, zu anderen Aufgaben im Dienst abkommandiert wurden. Die bekamen ihr Mittagessen von meiner Grossmutter serviert. Sie war eine ausgezeichnete Koechin. Und spaeter als solche auch fuer die British Royals taetig. Also gab es da etwas Warmes auf dem Tisch. Und Grossmama rief die Mamuschka zum Tisch. Zuerst wollte die nicht kommen. Sie hatte Angst. Ich weiss nicht wovor... aber eben Angst. Nur die kleinen Kinder konnten sie dann noch dazu bewegen.... Sie verstand natuerlich kein Wort Deutsch. Und die anderen kein Russisch. Gebaerdensprache und ein Laecheln oder ein Lachen, waren die einzige Moeglichkeit, sich zu verstaendigen. Doch am naechsten Tag.... vom Militaer wieder abgeladen.... Stand sie da .... und lachte meine Grossmutter und die Kinder an... Und die Haende wurden von Tag zu Tag flinker....und das Lachen immer haeufiger.


    An dem Tag, als ihre Arbeit fertig wurde und das Militaer sie wieder abholte.....weinte sie bitterlich!


    Weshalb erzaehle ich diese etwas ruehrende Kriegsgeschichte? (Aus zweiter Hand. Fuer meine Mutter war es ein praegendes Kindheitserlebnis).


    Was glauben sie, wie sich Kriegsfluechtlinge im Gefangenenelager fuehlen?


    Was glauben sie, wie sich Wirtschaftsfluechtinge im Bundeslager fuehlen, wenn sie erkennen muessen, dass ihre Hoffnungen auf eine lebenswerte Zukunft nichts Anderes als eine Utopie ist.


    Und nur Schaden zueruckbleibt. Und was glauben sie, wie sich eine Ü 55 Jaehrige Person fuehlt, wenn sie ausgesteuert ist? Und keine weitere Lebenschance mehr sieht, als noch den Fressnapf vom Sozialamt vergesetzt zu bekommen. Allerdings nur noch mit der Auflage, auch weiterhin noch voellig sinnlose Stellenbewerbungen zu schreiben! Auf Stellen, welche man nie bekommen wird, weil zu alt! Obwohl man aufgrund der vorhandenen Qualifikationen machen koennte und noch so gerne wollte.


    Es geht hier nicht einfach nur um die volkswirtschaftliche Rechnung. Obwohl diese gerade eine zentrale Schluesselstelle einnimmt. Es geht hier um das "psychologische Ding"! So wie das System hier und jetzt gerade laeuft, werden enorme Ressourcen schlicht verschleudert. Menschen, welche irgendwie Leistungsfaehig und Leistungswillig sind, werden hier systematisch zu Grunde gerichtet. Und bleiben dann am finanziellen Tropf des Staates haengen. Als "Invalide". Sei das nun aus psychischen, physischen oder sozial anders gearteten Gruenden.


    Das macht weder volkswirtschaftlich, noch humanitaer irgendwelchen Sinn.


    Es mag jetzt sehr radikal erscheinen, was ich hier sage und soll so auch nur als eine Gedankenanregung verstanden werden:


    Ging es der Mamuschka da nicht noch etwas besser? Sie hatte wenigstens zeitweise noch das Gefuehl, dass sie irgendwie noch Teil einer sozialen Gemeinschaft ist. Da gebraucht wird, aber auch willkommen ist. Und wohl deshalb, und nur deshalb, wurden die Haende von Tag zu Tag noch etwas flinker. Weil da das Gefuehl war... ich trage etwas bei... und werde mitgetragen.


    Sollten wir nun in der gegenwartigen Situation nicht etwas mal wieder anpassen? Weshalb lassen wir Fluechtlinge im Bundeslager einfach sitzen? Weshalb lassen wir sie nicht arbeiten? Staatlich kontrolliert, aber zum Wohl der Allgemeinheit? Mit etwas Bonus fuer jeden der hier kooperiert. Damit sie etwas nach Hause schicken koennen, um die Schulden zu bezahlen. Abschieben werden wir sie noch frueh genug. Nur damit koennen wir die Wahrscheinlichkeit reduzieren, dass diese kriminell werden. Und ihnen noch etwas die Hoffnung vermitteln, dass sich Arbeit ausbezahlt. Und ihnen auch noch etwas das Selbstwertgefuehl erhalten.


    Und genau um dieses Selbstwertgefuehl geht es eben auch noch bei den Schweizern, welche ausgesteuert, Sozialhilfebezueger,zwangsweise fruehpensioniergt... etc. sind. Die Meisten davon wollen ihren Lebensabend nicht im "Sozialgefaengniss" verbringen. Und den Alltag mit nutzlosen Aktivitaeten hinter sich bringen. Sie wollen noch, mit bestem Wissen und Gewissen, etwas beitragen dazu, dass sie im Gegenzug auch etwas erhalten (von der Allgemeinheit). Genau das wird mit dem gegenwaertigen System mehrheitlich eher verhindert als gefoerdert. Ueberbrueckungsrente? Wahrscheinlich dann genau so ausgefuehrt, wie das jetzt beim Sozialamt laeuft?


    Ja, das waere jetzt wohl das Letzte, was die Volkswirtschaft noch braucht! Noch so ein unsinniger Leerlauf.


    Nicht die Frage, ob hier mal etwas geaendert werden muss. Die Frage ist was geaendert werden muss!

  • Warum brauchen wir einen vom Staat kontrollierten sekundären Arbeitsmarkt? Weil viele Arbeitsstellen als unproduktiv gelten und dafür auf dem primären Arbeitsmarkt keine existenzsichernde Löhne bezahlt werden. Wenn wir vermeiden wollen, dass Arbeitskräfte zu Dumpinglöhnen beschäftigt werden, um den Unternehmensgewinn zu steigern, muss der Staat diese Unternehmen einem sekundären Arbeitsmarkt zurechnen und kontrollieren, wenn er Lohnzuschüsse via Sozialhilfe bezahlt. Besser noch der Staat schafft entsprechende Stellen im sekundären Arbeitsmarkt und zahlt dafür existenzsichernde Löhne. Flächendeckende Mindestlöhne müssen zur Selbstverständlichkeit werden!

  • Hallo alescha01


    Den letzten Satz ihrer Rede unterschreibe ich wohl sofort.....


    Die Festsetzung von Mindestloehnen in allen "marktgaengigen" berufsartigen Taetigkeiten wuerde hier einige Verbesserungen einbringen. Zumindest wenn entsprechend kontrolliert und durchgesetzt wird. Dadurch koennten Dumpingloehne, auch seitens auslaendischer Unternehmen, welche Auftraege in der Schweiz annehmen, vermieden werden.


    Beim Rest ihrer Rede bin ich etwas skeptischer.


    Ich denke nicht, dass es die Aufgabe des Staates ist, einen staatlich kontrollierten sekundaeren Arbeitsmarkt zu schaffen, um damit den primaeren Arbeitsmarkt zu kontrollieren. Dies wuerde letztlich zu aehnlichen Verhaeltnissen fuehren, welche in kommunistischen Staaten zum Niedergang der Volkswirtschaft fuehrte.


    > Besser noch der Staat schafft entsprechende Stellen im sekundären Arbeitsmarkt und zahlt dafür existenzsichernde Löhne.<


    Damit wuerde ueber kurz oder lang, die Mehrheit aller Arbeitnehmenden zu "Staatsangestellten" werden. Der primaere Arbeitsmarkt wuerde dann nur noch den extrem kompetitiven Arbeitnehmern, respektive Unternehmern offen bleiben.


    Tatsaechlich kann ich ihrer obigen Aussage noch etwas Positives abgewinnen. So ganz Unrecht haben sie damit nicht! Um die von mir genannte Problematik zu entschaerfen, gaebe es naemlich auch eine Loesung. Zumindest moeglicherweise. Der Unterschied zwischen einem existenzsichernden Lohn im sekundaeren Arbeitsmarkt, zum vorgeschriebenen Mindestlohn im primaeren Arbeitsmarkt, muesste erheblich sein.


    Wo faengt die ganze Problematik wirklich an?


    >Weil viele Arbeitsstellen als unproduktiv gelten und dafür auf dem primären Arbeitsmarkt keine existenzsichernde Löhne bezahlt werden.<


    Moment mal? Wenn diese Arbeitstellen unproduktiv sind, weshalb existieren die dann ueberhaupt. Ich meine im primaeren Arbeitsmarkt? Wenn ich als Unternehmer etwas produziere, was ich auf dem Markt nur zu solchen Dumpingpreisen verkaufen kann, dass ich damit keine anstaendigen Loehne an meine Mitarbeiter bezahlen kann, dann ist dieses Produkt auf dem Markt ueberfluessig. Und gehoert da nicht hin, weil keine entsprechende Nachfrage dafuer da ist. Waere eine entsprechende Nachfrage da, koennte ich es zu einem entsprechenden Preis verkaufen.


    Soll jetzt der Staat noch einen weiteren "sekundaeren Arbeitsmarkt" erschaffen, um etwas zu produzieren, fuer das die Nachfrage nicht existiert, oder einfach mal zu klein ist?


    Ich sage ausdruecklich einen Weiteren. Denn ein solcher staatlich subventionierter Arbeitsmarkt existiert bereits.

  • alescha01


    Ich moechte das Thema noch einmal aufgreifen. Wie ich zuvor schon zum Ausdruck brachte, bin ich der Grundidee zugeneigt.


    Fuer mich ist eben primaer nicht die Frage, ob der Staat hier allenfalls eine Art von "Ersatzmarkt" schaffen soll. Ich bin durchaus der Meinung, dass das sinnvoll sein koennte.


    Fuer mich ist die Frage offen, wie er das macht, damit es volkswirtschaftlich sinnvoll ist. Und sonst soll der Staat es eben nicht tun.


    Und hier stelle ich ihnen die Frage, wie der Staat diese Idee umsetzen koennte. So ganz praktisch gesehen.


    Meine Ueberlegung dazu ist, dass der Staat hier allenfalls noch Stellen schaffen koennte, welche nur indirekt als "produktiv" bezeichnet werden koennen. Also Stellen in Marktbereichen, welche durch den primaeren Arbeitsmarkt gar nicht bearbeitet werden, weil hier die Gewinne zu klein sind, oder gar nicht existieren, weil der Staat (oder die Privatwirtschaft) hier bisher keine "Auftraege" erteilt. Solche Auftraege muessten dann Dienste an der Allgemeinheit sein. Und diese duerften den primaeren Arbeitsmarkt nicht konkurrenzieren. Der Bund muesste dann fuer solche "Dienste an der Allgemeinheit" ein entsprechendes Budget sprechen. Zugang zu solchen Stellen (beim Staat) duerften nur Personen haben, welche bestimmte Voraussetzungen mitbringen.


    Die Problematik bei einer Existenz eines solchen "sekundaeren staatlichen Arbeitsmarktes" liegt darin, dass es der Privatwirtschaft einen falschen Anreiz liefern kann. Anstatt aeltere, oder gesundheitlich eingeschraenkte, Arbeitnehmer laenger zu beschaeftigen, verleitet es eher dazu, hier die soziale Verantwortung fuer die Arbeitnehmer dem Staat zu ueberbinden.


    Salopp und spitz ausgedrueckt: Wir entlassen die Leute ja nicht in die Sozialhilfe. Wir sourcen die out .... ins staatliche Arbeitslager. (Grins, obwohl ich das gerade nicht zum Lachen finde).


    Im Zusammenhang mit dem Thema, und weiteren Problemen der kuenftigen Sozialpolitik, denke ich aber auch noch daran, dass man die Idee mit dem bedingungslosen Grundeinkommen vielleicht noch weiter entwickeln sollte.


    Hier wuerde zumindest Einiges an unproduktivem Verwaltungsaufwand gespart werden koennen. Dieses Geld koennte produktiver eingesetzt werden.


    Ich wuerde mich freuen, wenn sie hier auch noch ein paar Ideen beisteuern koennten, wie man so etwas praktisch umsetzen koennte.

  • Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE): Es gibt genügend sinnvolle Arbeit!


    Beim bedingungslosen Grundeinkommen besteht der Verdacht, es gebe nicht genügend Arbeit. Das ist natürlich ein Irrtum. Im Umwelt-, Sozial-, Gesundheits-, Bildungs- und Sicherheitsbereich gibt es genügend sinnvolle Arbeit Die Eingliederung in den Arbeitsprozess ist insbesondere für die Jungen zentral und sollte nicht durch die Suggestion "free lunch" unterlaufen werden. Minimallöhne sind daher zweckmässiger als das bedingungslose Grundeinkommen.


    Wenn ein Unternehmer den Minimallohn nicht bezahlen möchte, heisst das, dass dieser Arbeitnehmer oder diese Arbeitsstelle diesen Lohn nicht wert ist. So soll er halt auf die Anstellung verzichten. Dem betroffenen Arbeitnehmer ist vom Staat im sekundären Arbeitsmarkt eine geeignete Arbeitsmöglichkeit mit einem Minimallohn anzubieten. Dass es dabei zu Konflikten mit dem primären Arbeitsmarkt kommen kann, ist in Kauf zu nehmen. Dieser Konflikt verschwindet sofort, wenn die Löhne im primären Arbeitsmarkt dem Minimallohn im sekundären Arbeitsmarkt angepasst werden.


    Produktivität ist auch abhängig vom Lohn!


    Die Produktivität einer Arbeitsstelle ist auch abhängig vom Lohn. Eine Lohnerhöhung ist also gleichzeitig auch eine Produktivitätserhöhung. Wenn strukturschwache Arbeitsplätze ins Ausland abwandern, ist das nicht so tragisch, werden diese heute doch oft mit Zuwanderern besetzt. Binnenorientierte Tieflohn-Arbeitsplätze können nicht einfach wegrationalisiert werden. Wer will schon auf geputzte Häuser und auf das Auswärtsessen verzichten?


    Selbstverständlich müssen die Preise steigen, wenn höhere Löhne gezahlt werden müssen. Im Gastgewerbe hat das offenbar geklappt ohne grossen Arbeitsplatzverlust, weil alle Betriebe mitmachen mussten.


    Andererseits gilt auch das Gegenteil: Wer glaubt schon im Ernst daran, dass alle Jobs mit hohen Löhnen produktiv sind?

  • Guten Morgen Alescha01


    >Andererseits gilt auch das Gegenteil: Wer glaubt schon im Ernst daran, dass alle Jobs mit hohen Löhnen produktiv sind?<


    Ja musste ich zuerst mal Lachen!


    Also ich glaube daran jedenfalls ganz sicher nicht.


    Ueber den Rest ihres Beitrags moechte ich zuerst noch etwas Nachdenken. Aber mal Danke fuer die Antwort und schoenen Sonntag.

  • alescha01


    Hallo. Hier mal eine Antwort auf den ersten Absatz ihres letzten Beitrags.


    >Beim bedingungslosen Grundeinkommen besteht der Verdacht, es gebe nicht genügend Arbeit. Das ist natürlich ein Irrtum. Im Umwelt-, Sozial-, Gesundheits-, Bildungs- und Sicherheitsbereich gibt es genügend sinnvolle Arbeit.<


    Ach nein, wer redet den sowas? Verdacht auf was genau? Ja, das ist sicher mal ein Irrtum. Arbeit gibt es immer mehr als genug. Und insbesondere auch noch sinnvolle Arbeit. Hier ist vielleicht eher mal die Frage angebracht, was als sinnvolle Arbeit definiert wird.


    Ist eine Arbeit erst dann als sinnvoll deklariert, wenn ich zuerst mal die hohle Hand machen kann? Erst dann sinnvoll, wenn ich dafuer bezahlt werde, etwas zu leisten, was im Grunde genommen nicht wirklich produktiv, im Sinne von "aufbauend" ist? Nur weil ich dafuer gerade einen hohen Lohn bekomme?


    Ich kann doch den Gehalt an "Sinn" nicht wirklich daran messen, welchen Lohn ich dafuer erhalte, etwas zu tun, was vielleicht gerade sehr sinnwidrig ist. Passiert leider gerade sehr oft so.


    Und ich habe den Verdacht, dass auf dem Arbeitsmarkt zuwenig Stellen gibt, die sinnvoll besetzt werden koennen.


    Hier koennte eben ein BGE Abhilfe schaffen. (Ich komme Spaeter darauf noch mal zurueck). Beim naechsten Satz ihrer Rede muss ihnen allerdings durchaus zu stimmen.


    >Die Eingliederung in den Arbeitsprozess ist insbesondere für die Jungen zentral und sollte nicht durch die Suggestion "free lunch" unterlaufen werden.<


    Diese Problematik stellt sich nicht nur beim BGE, sondern auch im Zusammenhang mit der Sozialhilfe. Ich hatte bereits in einem anderen Thread darauf hingewiesen dass leider eine erschreckend grosse Zahl Jugendlicher gar kein Interesse daran haben, mal einen Beruf zu erlernen, sondern lieber Karriere als Sozialfall und Kriminelle machen.


    Eine weitaus groessere Anzahl der Leute (auch aeltere) wollen aber keineswegs auf dem Ezistenzminimum ihr Leben fristen. Etwas losgeloest vom damaligen Inititaivtext, moechte ich hier in Erinnerung rufen, dass das BGE eigentlich nur das, was durch die Bundesverfasssung garantiert ist, in einer recht pragmatischen Art und Weise in die Realitate umsetzen moechte. Naemlich das Recht auf Existenzsicherung. Das BGE wuerde hier praktisch die Sozialhilfe ersetzen. Das BGE darf aber auf keinen Fall so hoch sein, dass hier falsche Anreize gschaffen werden. (Analog Sozialhilfe).


    >Minimallöhne sind daher zweckmässiger als das bedingungslose Grundeinkommen.<


    Diese Aussage ist meiner Ansicht nach falsch.


    Denn Minimalloehne dienen einem anderen Zweck, als das BGE. Es ist eben nicht die Frage, ob man sich jetzt fuer das Eine oder Andere entscheidet. Es braucht eben gerade Beides!


    Wenn die Minimalloehne in allen Berufen deutlich hoeher angesetzt werden, als die BGE-Leistung betraegt, dann ist die Gefahr einer "free lunch Mentalitaet" wohl eher noch kleiner, als beim gegenwaertigen System.


    Bezueglich der praktischen Umsetzung der politischen Ziele, schliesse ich mich allerdings ihrer Meinung insofern an, dass eine Einfuehrung von Minimalloehnen zwar nicht "zweckmaessiger" ist, aber die Prioritaet haben muss!


    Es ist eine Voraussetzung dafuer, dass man ein BGE volkswirtschaftlich in sinnvoller Weise umsetzen kann.


    Gruss

  • alescha01


    >Die Überbrückungsrente ist ein Zückerchen im Abstimmungskampf um die vom Mainstream gefürchtete Begrenzungsinitiative. Man merkt die Absicht, und man ist verstimmt.<


    Ich verstehe hier den Zusammenhang immer noch nicht. Vermutlich denke ich grundsaetzlich einfach etwas nicht so ganz wie nach Mainstream.

  • @alesch01


    Jetzt ist der Zusammenhang klar. Nur glaube ich nicht, das dies so funktionieren wird.Diese politischen Geschaefte haben nur wenig miteinander zu tun.


    Eine Begrenzung der Personenfreizuegigkeit wird die Probleme der Ü60, welche im primaeren Arbeitsmarkt keinen Arbeitsplatz mehr finden koennen, kaum loesen. Diese Arbeitnehmer gelten in der Wirtschaft als "unfaehig". Aus welchen Gruenden auch immer.


    Die Wahrscheinlichkeit, dass Arbeitgeber nun vermehrt solche "Unfaehige" laenger besschaeftigen oder gar neu einstellen, weil weniger "Faehige aus dem Ausland" rekrutiert werden koennen, halte ich fuer klein.


    Ich fuerchte eher, dass dann die betreffenden Arbeitsplaetze ins Ausland verlagert werden. Zumindest die, welche man auslagern kann. Bei den Arbeitsplaetzen, welche man nicht auslagern kann, wird es dann wohl schwieriger sein, geeignetes Personal zu finden.


    Die Ueberbrueckungsrente zu lancieren, um damit die Begrenzungsinitiave zu verhindern, halte ich fuer eine Schnapsidee. Gegen diese gibt es genug stichhaltige Argumente.


    Mit der Ueberbrueckungsrente wird der Pflegekraftmangel wohl kaum zu loesen sein. Mit der Begrenzungsinitiative wohl noch weniger.

  • Wenn wir den Industrieplatz Schweiz nur noch mit ausländischen Arbeitskräften aufrechterhalten können, frage ich mich schon, ob dies sinnvoll ist. Das Ausland ist zurzeit mehr auf Industriearbeitsplätze angewiesen als die Schweiz.

  • Nun.... Die Frage kann man sich schon stellen.


    Es ist auch so, dass in den umliegenden Laendern uebrigens auch ein Mangel an Pflegekraeften eintreten wird, oder schon existent ist. Aus den gleichen Gruenden wie in der Schweiz.


    Wir duerfen uns trotzdem fragen, welche "Industrie" wir in Zukunft in der Schweiz haben wollen, um damit unseren Wohlstand zu erhalten.


    Ich halte es nicht fuer abwegig, dass wir bestimmte Zweige "unserer Industrie" in bestimmte Entwicklungslaender verschieben, um deren Wohlstand zu entwickeln. Dies koennte dazu beitragen kuenftig eine Masseinwanderung von Wirtschaftsfluechtlingen zu begrenzen. Und wuerde damit unserem Wohlstand auch noch gut tun.